Hogwarts Legacy: Vorschau

Es ist immer besser, wenn man wenig erwartet. So ging es uns auch, als wir zum ersten Mal ins Hamburger Mehr! Theater eingeladen wurden, wo sonst das erfolgreichste Musical des Zauberlehrlings der Neuzeit aufgeführt wird, um als erste Hand an “Hogwarts Legacy” von Warner anlegen zu dürfen, das am 10. Februar erscheint.

Ein weiteres Harry-Potter-Spiel? Ehrlich gesagt, haben wir nicht darauf gewartet. Das Gute daran ist aber, dass Harry Potter gar nicht vorkommt. Es gibt auch keine Hermine und keinen Ron, denn die waren zur Zeit der Handlung noch gar nicht geboren. Nun haben alle, die sich nie mit den Originalfiguren identifizieren konnten oder die literarischen Originale nach all den Verfilmungen, Hörspielen, Theaterstücken, Musicals und Themenparks als hoffnungslos überholt empfinden, eine Chance.

Wenn es das erste Harry Potter Spiel wäre...

Die Charaktere aus dem Harry-Potter-Universum haben zwischen 2001 und 2011 fast ein Dutzend Titel von Electronic Arts (in enger Zusammenarbeit mit Warner Bros. Interactive Entertainment) erhalten. Angeblich wurden 50 Millionen Stück verkauft, was als durchaus beachtlicher Erfolg gewertet werden kann. Die Spiele waren einfach, eher kindgerecht und auf Gelegenheitsspieler ausgelegt. Genregrenzen im Action-Adventure-Bereich hat keines davon neu definiert, was wohl auch niemand erwartet hat. Sie gehören zu einer großen Masse an Lizenzprodukten, die versuchen, ihre Fans zufriedenzustellen, keine unkalkulierbaren Risiken eingehen und niemandem schaden. Natürlich wären hier auch die LEGO-Ableger zu nennen, die von der Kritik weitaus positiver aufgenommen wurden. LEGO und Harry Potter, das funktioniert im Übrigen auch in der Welt der Klötzchen sehr gut. Harry Potter: Hogwarts Mystery, das die Vorgeschichte von Harry erzählt (auf befremdliche Weise für Android und iOS), sowie Harry Potter: Wizards Unite, ein AR-Spiel nach dem Vorbild von Pokémon GO, das Warner Games San Francisco 2019 in Zusammenarbeit mit Niantic veröffentlicht hat, spielen ebenfalls in der Wizarding World. Mal ernsthaft, hat da jemand gespielt? Anscheinend nicht viele, denn Wizards Unite ist mittlerweile seit einem Jahr offline.

Neue Studie, neuer Ansatz

Das Studio Avalanche Software aus Salt Lake City, das in dieser Branche bisher keine Spuren hinterlassen hat, bereitet sich nun darauf vor, das Potter-Universum in die Open-World-Ära zu bringen. Ihre Referenzen sind nicht gerade beeindruckend: Kürzlich waren sie für die spielerische Umsetzung verschiedener Disney-Marken wie Bolt, Toy Story und Cars verantwortlich. Mit den Spielen Disney Infinity, die kaum noch Erwähnung finden, haben sie zumindest Open-World-Erfahrung gesammelt. Auch Cars 3: Driven to Win, das vor etwa fünf Jahren erschien und einen Metascore von 72 erzielte, ist kein Aushängeschild. Aber immerhin zeigt es, dass die seit 1995 tätigen Entwickler ihr Handwerk verstehen. Hogwarts Legacy versucht, uns in die Rolle von Zauberlehrlingen zu versetzen und uns in eine offene Spielwelt zu schicken, um dort unsere Abenteuer zu erleben. Folgerichtig beginnt die Reise mit einem Charaktereditor. Er bietet alles, was man von einem Charaktereditor erwartet, zumindest was das Aussehen angeht. Die selbstgebauten Heldinnen und Helden sind jedenfalls hervorragend und erfüllen ihren Zweck genau: Sie sind der erste Schritt zur Illusion, in die Welt von Hogwarts einzutauchen und uns mit den von uns selbst geschaffenen Charakteren zu identifizieren, anstatt einfach nur einer Buchhandlung zu folgen.

Willkommen in Hogwarts!

In diesem Spiel schlüpfen wir in die Rolle eines Magiers oder einer Zauberin im frühen Stadium ihrer Karriere und werden mit einer fliegenden Kutsche in die schottischen Highlands gebracht. Dabei erfahren wir, dass wir die ersten vier Semester überspringen dürfen. Talent und der ganze Kram. Der lange und anstrengende Weg zur Meisterschaft in der Magie wäre für den Film zu viel geworden, und wir sind tatsächlich froh, direkt loslegen zu können. Nach ein paar Minuten Zwischensequenz ereignet sich ein tragischer Unfall, der uns im wahrsten Sinne des Wortes auf unsere erste Prüfung schleudert. Wir verraten nicht mehr, denn es ist immer am besten, so wenig wie möglich über die Geschichte zu wissen. Nur das noch zur Einordnung: Wir schreiben das Jahr 1890 und von einem Jungen namens Harry hat zu diesem Zeitpunkt noch niemand etwas gehört, was “Hogwarts Legacy” zu einer Art Prequel zu den bekannten Büchern macht. Ein cleverer Schachzug, denn so kann man dem Potter-Kanon komplett aus dem Weg gehen und hat den Kopf frei für die eigene magische Karriere.

Machen wir also einen Flug nach Hogwarts, wo wir zuerst einen kleinen Rundflug über das bescheidene Anwesen machen. Denn Besenfliegen gehört wohl zur magischen Grundausstattung eines Fünftklässlers, und so klappt alles reibungslos, inklusive Start und Landung über die Kreistaste der PS5. Alles ist vorhanden: Der See, der Nord-Schrei und der Verbotene Wald sind in der Ferne zu sehen und machen sofort Lust, sie zu erkunden. Zwar gibt es auch eine Quidditch-Arena – die Entwickler haben das im Vorfeld schon klargestellt –, doch eine Möglichkeit, diesem Sport im fertigen Spiel nachzugehen, wird es nicht geben. Nun ja, das Thema ist inzwischen vielleicht etwas ausgeleiert, oder? Wir sind hier schließlich, um zu kämpfen und die magische Welt zu retten, nicht um einem Ball hinterherzujagen. In einiger Entfernung gibt es natürlich auch ein gut nachgebildetes Hogsmeade, und wir hoffen, dass wir die legendäre Taverne früher oder später noch besuchen können. Das Hands-on in Hamburg lieferte diesbezüglich aber keinen Aufschluss, denn die netten Warner-Angestellten waren gezwungen, uns zurückzupfeifen, sobald wir uns zu weit von den vorgegebenen Pfaden der Anspiel-Richtlinien entfernten.

Holprige Eingewöhnung: Erste Schritte mit dem Kampfsystem

Irgendwann dürfen wir eintreten, doch auch dort wird uns das Recht verwehrt, überall herumzustöbern. So verhält man sich nicht, wenn man als Neuling an einem Ort ankommt. Die Bibliothek ist jedoch geöffnet, sieht großartig aus und vermittelt uns den Eindruck, dass es vor Ort viel zu entdecken und zu sammeln gibt. Bislang haben die meisten unserer Gefährten geschwiegen, so wie die junge Frau mit der Gewitterwolke über dem Kopf. Auch die lebenden Porträts, die die Wände des digitalen Hogwarts zieren, haben uns vorerst nichts zu sagen. Aber sie können sich bewegen. Im Original sind sie so etwas wie ein magisches Kommunikationssystem, das Befehle entgegennehmen und Informationen weitergeben kann. Wenn so etwas im fertigen Spiel zu finden wäre, wäre das wirklich eine wunderbare Idee, für die wir sofort ein paar Extrapunkte vergeben würden! Da wir sonst nichts zu tun haben, machen wir uns auf zum Kampftraining. Das übernimmt der jüngste Mitschüler Lucan Brattleby, der mit seiner etwas pompösen Art einfach nur nach Gryffindor gehören kann (und wir hoffen, dass wir niemanden beleidigt haben!!!). Er gehört auch dem Duellclub ’Gekreuzte Zauberstäbe“ an, dem wir uns natürlich sofort anschließen. Man kann gar nicht früh genug anfangen, in einer neuen Schule Freunde zu finden. Hey, wer hat da gerade ”Verdammte Opportunisten!“ gerufen! Im ersten Kampf machen wir uns lächerlich, weil uns eine wichtige Information fehlt. Während wir den R2-Trigger gedrückt halten, verwenden wir die Symboltasten, um einen Spezialzauber auszuwählen: in diesem Fall die Dreieck-Taste, um den Schutzschild der Gegner zu durchbrechen. Es dauert eine Weile, bis die Zaubersprüche wieder verfügbar sind. Bis dahin kann man den Gegner mit R2 ins Visier nehmen und einen Standardangriff ausführen, was uns dann auch beim vierten oder fünften Versuch gelungen ist. Wo ist das Warner-Personal, wenn man es braucht?! Außerdem kann man mit R3 einen Gegner anvisieren und mit dem linken Stick zwischen den Gegnern wechseln. Insgesamt hat man das Gefühl, sich in einem Third-Person-Shooter zu befinden. Das passt zu uns.

Freiheit für die Drachen! ... oder unsere erste Mission

Nun wollen wir unsere neu erworbenen Fähigkeiten in der Praxis, also in der ersten Mission, testen. Sie führt uns in den Verbotenen Wald, was etwas ironisch ist, da er die einzige Gegend außerhalb von Hogwarts ist, welche uns während der Ausstellung nicht verboten war. Im Menü befassen wir uns mit der Ausrüstung und werfen einen Blick auf die Karte. Dort gibt es den ’Eulennest“ für Nachrichten, eine Fortschrittsleiste, die in unserem Fall natürlich noch gering gefüllt ist, sowie den Bereich Sammlungen, welcher unsere bereits geäußerte Hoffnung bestätigt, Aufgaben zu sammeln. Für die nächste Quest, ”Aufgabe von Professor Onai“, werden wir mittels Cheats mit weiteren Zaubersprüchen ausgestattet und mitten in eine Story über Wilderer und einen ”Trollangriff“ katapultiert, dem natürlich noch etwas Kontext fehlt. An unserer Seite in der Quest ist eine Hufflepuff-Kommilitonin namens Poppy Sweeting. Die Zentauren geben einen kleinen Vorgeschmack auf die Tierwelt der Region und wirken ziemlich beeindruckend. Sammle Zutaten für irgendetwas, folge Hinweisen und suche nach Spuren für den Story-Fortschritt – all das kennen wir zwar schon, doch hier wirkt es insgesamt sehr rund und stimmig und wird durch die exzellent animierten und makellos vertonten Charaktere zum Leben erweckt. Und die Spielwelt sieht auch ziemlich schick aus, nicht wahr?

Gute Integration des DualSense

Kurz darauf erfahren wir auf eher schmerzhafte Weise, dass auch Stealth-Elemente Teil des Spiels sind und es sich definitiv lohnt, sich durch einen Zauberspruch vorbereitend unsichtbar zu machen. Damit das Ganze nicht langweilig wird, können wir uns damit aber nicht komplett unbemerkt fortbewegen. Feinde hören uns trotzdem und wir sollten uns nicht direkt heranpirschen. Schließlich stoßen wir auf eine illegale Drachenkampf-Arena, in der wir ein gefangenes Flugreptil befreien müssen. Zuvor müssen wir ein Drachenei aus einem Käfig befreien und haben keine Ahnung, wie der Schließmechanismus funktionieren soll. Das “Geheimnis”: Mit rechtem und linkem Stick bewegen wir den inneren und äußeren Ring im Uhrzeigersinn. Die Vibration des DualSense Controllers sagt uns dabei, an welcher Position diese verschoben werden müssen. Wir sind gespannt, wie dies in der PC-Version gelöst wird. Auch dieser kleine Zwischenteil erfindet das Rätselrad nicht neu, bietet aber eine willkommene Abwechslung, von der wir uns im fertigen Spiel mehr wünschen würden.

Aus Fehlern lernen: Vergiss nicht den mächtigen Spezialangriff!

Und so stürzt man sich ins Getümmel, bei dem sich das Kampfsystem als vielseitiger erweist, als es auf den ersten Blick scheint. Im Kern kann man mittels des Steuerkreuzes zwischen verschiedenen Zaubersprüchen wechseln. Da wir während unserer einstündigen Anspielzeit nicht herausfinden konnten, wie die verschiedenen Sprüche funktionieren, hilft nur eins: Learning by Dying. Ausschlaggebend für den Erfolg ist die Erkenntnis, dass ein mächtiger Spezialangriff mit L1 und R1 entfesselt werden kann, sobald wir die Combo-Leiste unten rechts gefüllt haben. Auch das Abwehren von Angriffen mit der Quadrat-Taste, das Ausweichen und das gelegentliche Werfen eines Heiltrankes mittels des Steuerkreuzes gehören zu dem Erfolgsrezept, das in diesem Fall zur Befreiung der armen Drachin führt.

Vorschau: Wir sind bereit loszulegen!

Eine gute Stunde hat gereicht, um uns – entschuldigen Sie das allzu offensichtliche Wortspiel – zu verzaubern und mit Hoffnung auf den 10. Februar zu blicken, wenn Hogwarts Legacy für PlayStation 5, Xbox Series X|S und PC erscheint. Anders ausgedrückt: Wir sind positiv überrascht und können es kaum erwarten, die hübsche Fantasywelt zu erkunden. Bei unserem Hands-on wurden wir allerdings noch am kurzen Zügel gehalten. Doch was wir sehen durften, hat uns ausnahmslos sehr gut gefallen. Wirklich überraschende Spielelemente fehlen, doch ist das nicht immer so, wenn die essenziellen Aspekte gut umgesetzt sind. Was das Magie- und Kampfsystem angeht, wird es vor allem darauf ankommen, wie gut die von den Entwicklern versprochenen “hunderte von Zaubersprüchen” in das Gesamtkonzept integriert sind, wie fantasievoll sie ausfallen und ob sie sich wirklich sinnvoll voneinander unterscheiden. Wir sind jedenfalls guter Dinge und haben die Koffer schon gepackt, um endlich nach Hogwarts aufbrechen zu können.

Artikel originale von games.ch, veröffentlicht mit Genehmigung

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website nutzt Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.